erleben.

Als Frau alleine in Indien

Immer wieder werde ich gefragt, ob ich Angst habe, Indien alleine zu bereisen. Das ist gar nicht so einfach zu beantworten…

Meine Eltern haben mal für zwei Jahre in Süd-Indien gelebt. Ich habe damals noch in Holland studiert und sie einige Male dort besucht. Sie hatten ein wunderschönes Haus mit Pool, das rund um die Uhr gepflegt und überwacht wurde. Diesen Luxus fand ich damals ungewohnt, aber vor allem spannend. Ich hatte gar kein großes Interesse daran, das Land besser kennenzulernen. Wenn ich jetzt zurückblicke, glaube ich, dass ich das Elend Indiens hauptsächlich durch das Autofenster gesehen habe.

Auch wenn es eigentlich genau das ist, was ich möchte, stelle ich kurz vor meiner Reise fest, dass ich mich noch gar nicht bereit fühle, Indien schutzlos zu begegnen. Erst an meinem dritten Tag in Indien – im Ayurveda-Resort – finde ich den Mut, das Grundstück zu verlassen und zum Strand zu laufen. Durch die Monsunzeit wirken die Wellen riesig, Kühe und Straßenhunde laufen an mir vorbei, zwei Kinder betteln und unzählige Augen starren mich an. Ein Inder verrichtet vor meinen Augen sein Geschäft im Sand – was ganz Normales in Indien. Für mich ist es zu viel: ich laufe zurück.

Ich habe gelernt, dass man bei Angst auf sich hören, aber auch aus seiner Komfortzone herauskriechen soll, um nicht darin zu verharren. Da ein Reiseabbruch erstmal nicht in Frage kommt, übe ich mich darin, regelmäßig zum Strand zu gehen. Ich lerne eine Yoga-Lehrerin aus Russland kennen und gehe gemeinsam mit ihr spazieren. Am Ende meiner Kur fühle ich mich etwas sicherer.

Tempel in Mamalapuram

Ich besichtige nach meiner Kur erstmal die Stadt, in der meine Eltern gelebt haben: Chennai in Tamil Nadu . Die Zeit damals hat mich geprägt, auch wenn ich nicht fest dort gewohnt habe. Sudhakar, ein alter Freund meiner Eltern, freut sich, dass ich komme und holt mich nach meiner 13-stündiger Busfahrt ab. Er ist sehr bemüht, dass es mir gut geht und schafft es mir den Einstieg zu erleichtern. Ein Wunsch von mir ist es, nochmal das alte Haus zu sehen. Das ist gar nicht so einfach, da es mittlerweile für Partyevents genutzt wird. Sudhakar macht es aber möglich.

Ich bekomme eine Gänsehaut, als ich vor dem Haus stehe. Es sieht etwas heruntergekommen, aber noch immer gleich aus. Im Haus stehen sogar noch die gleichen Möbel. Ich setze mich auf die Couch und spule zehn Jahre zurück: Hier haben wir so viele Filme geschaut. Melancholie beschreibt mein Gefühl wohl am besten – ich trauere der Zeit hinterher. Nicht unbedingt, weil ich sie mir nochmal herbeiwünsche, sondern weil ich in diesem Moment spüre, wie schnell die letzten zehn Jahre verflogen sind. Die Erinnerungen gibt es nur noch in meinem Kopf, hier sind alle Spuren der Hechingers verwischt. Ich weiß, dass alles vergänglich ist, aber weiß ich das auch wirklich? Wann spürt man im Alltag schon, dass die Zeit vergeht? Es ist ein ehrlicher Moment, den ich vielleicht gebraucht habe. Ein zweiter Abschied – mit meinem jetzigen Verständnis.

Sudhakar und ich

Als ich weiterziehe, fühle ich mich erstmal ganz schön übers Ohr gehauen. Die Tuk-Tuk Fahrten kommen mir teuer vor, ich scheine mehr für den Bus zu bezahlen als die Einheimischen und die Unterkünfte sind oft nicht ihren Preis wert. Die täglichen Stromausfälle nerven mich und die anhaltenden Blicke finde ich unangenehm. Ich hatte vergessen, wie penetrant die Blicke sein können. Ein bewusstes Zurückstarren bringt da so gar nichts. Ich fühle mich nicht besonders wohl, habe aber auch keine richtige Angst. Die Menschen hier veräppeln mich zwar, wirken aber keineswegs gefährlich. Im Gegenteil: Sie sind neugierig und freundlich. Ich taste mich nur langsam an die ganze Situation heran und fange an Preise runterzuhandeln. Nach und nach wird mir auch meine neugewonnene Freiheit bewusst. Ich kann jeden Tag so gestalten, wie es mir– und nur mir – beliebt. Das ist irgendwie seltsam, aber gut.

Nach einer Weile nehme ich die Blicke weniger wahr. Sehr gewöhnungsbedürftig finde ich die täglichen Selfie-Anfragen, die ich von den Indern erhalte. Zuerst lasse ich mich noch darauf ein, aber schon bald nervt es mich – besonders bei den jungen Männern. Ich erlaube mir den Spaß und fange an Geld zu verlangen. Natürlich bezahlt das keiner, aber ich habe meine Ruhe. Immer beliebter werden wohl auch die heimlichen Selfies, bei denen ich ungewollt im Hintergrund erscheine. Ich brauche eine Weile, bis ich verstehe, was die Inder da machen. Es ist ein tägliches Abenteuer, aber auch ein ganz schöner Kampf, ständig für mich einzustehen. Aus Interesse frage ich zwischendurch mal jemanden, weshalb er eigentlich ein Selfie möchte. Er antwortet: „Profile picture on facebook, miss“. Ich frage mich, auf wie vielen Profilbildern ich wohl derzeit im Hintergrund zu sehen bin.

Den Höhepunkt aller Frechheiten erlebe ich auf einer langen Busfahrt nach Neu Delhi. Von meiner damaligen Erfahrung mit privatem Chauffeur ist nicht mehr viel übrig. Ich erlebe ein deutliches „Downgrade“ mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die meiste Zeit reise ich mit dem Bus. Diesmal ist es ein Nachtbus, in dem ich sogar eine Art Schlafkabine mit Vorhang erhalte. Auf der Fahrt starre ich aus dem Fenster und höre Musik, bis ich plötzlich eine Hand mit einem Handy unter meinem Vorhang entdecke. Ich erschrecke mich zu Tode, lasse einen Schrei los, reiße den Vorhang auf und sehe einen jungen Mann, der „Selfie?“ sagt. Ich raste aus, sodass er sich ziemlich schnell ohne Selfie wieder in sein Abteil verkriecht.

Je öfter ich solche Situationen erlebe, desto sicherer werde ich im Umgang mit den Indern. Ich empfinde es als anstrengend, weiß aber, dass es sich hier um keine echten Gefahren handelt. Ich schätze die meisten Inder als gastfreundlich und hilfsbereit ein. Mir wird regelmäßig ein Stuhl angeboten, wenn ich irgendwo warten muss. Einige, die ein bisschen Englisch sprechen, sind an der deutschen Kultur interessiert und fragen mich aus. Andere warnen mich, ich solle gut auf meinen Rucksack aufpassen. Man sagt ja, dass man Indien entweder liebt oder hasst. Ich kann das nicht bestätigen: Ich befinde mich mit meiner Meinung irgendwo in der Mitte. Was in jedem Fall aber schwer zu ertragen bleibt, ist die Armut.

Manchmal führe ich die extremeren Situation aber auch künstlich herbei. Bereits vor zehn Jahren haben meine Kindergartenfreundin und ich eine längere Zugfahrt in Indien erlebt. Es war unbequem, eklig und laut. Und trotzdem möchte ich es nochmal ausprobieren: 22 Stunden dauert die Fahrt von Mumbai nach Jaipur.

Als der Zug einfährt, suche ich meinen Platz und stelle fest, dass er schon besetzt ist. Höflich weise ich den Mann darauf hin. Weggehen kommt für ihn nicht in Frage, aber er rutscht ein Stück auf, sodass meine rechte Pobacke Platz findet. Es ist stickig, überfüllt, das Fenster lässt sich nicht öffnen und es stinkt fürchterlich nach Schweiß und Toilette. Die Männergruppe neben mir trinkt Schnaps. Ich versuche mich auf mein Heft zu konzentrieren, fühle mich aber wie ein Tier im Zoo – Ich spüre die Blicke von allen Seiten. Ich bereue meine Entscheidung bereits in den ersten Minuten.

Meine Liege, die ich dazugebucht habe, befindet sich ziemlich weit oben. Ich brauche drei Anläufe, um eine kleine Leiter hinaufzuklettern und zerreiße mir dabei die Hose. Die Liege wiederum ist so niedrig, dass ich mich nicht mal aufsetzen kann. Ich liege also einfach nur da, schwitze und überlege mir, wie Senioren das eigentlich machen. Mein Plan, im Zug nicht auf die Toilette zu gehen, geht leider nicht ganz auf und somit quäle ich mich irgendwann die Treppe wieder herunter. Dabei reißt die Hose weiter auf. Die Toilette zähle ich zu meinem absoluten „Indien-Lowlight“: Es kostet viel Überwindung nicht wieder rückwärts rauszulaufen. Bei jeder ruckartigen Bewegung des Zuges schwappt das Plumpsklo über. Ich bete, dass das Wasser im Waschbecken wenigstens funktioniert – natürlich nicht. Ich klettere entmutigt zurück auf meinen Platz – mir ist bewusst, dass mein Po mittlerweile komplett zu sehen ist und einige Leute Fotos davon machen. Mein Nervenkostüm ist dünn. Die Stunden vergehen sehr langsam…

Als wir endlich ankommen, bin ich genervt und erschöpft. Mein Tuk-Tuk Fahrer bekommt das zu spüren. Er gibt sein Bestes, mich zu einer City-Tour zu überreden. Meine Antwort darauf lautet: „Normally I’m not a bitch, but right now I need you to be quiet, please“. Seine Reaktion darauf finde ich erfrischend: „Thank you for your honesty, miss“. Er setzt mich vor meinem Hotel, das ich vorgebucht habe, ab. Es haut mich regelrecht um: das Pearl Palace Heritage in Jaipur (nein, ich bekomme keine Provision) ist ein wahrer Geheimtipp für Reisende in Jaipur!

Pearl Palace Heritage Hotel in Jaipur

Man sagt ja, dass Genuss erst an Bedeutung gewinnt, wenn man auch mal verzichtet. Ein Spruch, den ich bereits nach 22 Stunden Verzicht bestätigen kann: Ein Glas kaltes Wasser und eine Dusche können so glücklich machen! Auch wenn ich nie wieder so eine Zugfahrt erleben möchte, die intensive Erfahrung nimmt mir wohl keiner mehr. Als gefährlich stufe ich eine Zugfahrt übrigens nicht ein. Ich habe mich zu keiner Zeit unsicher gefühlt.

Ein paar Tage später erfülle ich mir meinen letzten großen Wunsch in Indien: eine Kamelsafari durch die Wüste. Mich erinnert der nördliche Bundesstaat Rajasthan sehr an den Film „Aladdin“. Die schönen Paläste, der Sand, die Kleidung der Inder – sehr schick. Vor meiner Buchung möchte ich wissen, ob noch andere Touristen an der Kameltour teilnehmen, denn dabei wäre mir wohler. Klar, heißt es. Als es losgeht, bin ich die einzige Kundin weit und breit. Shankar, mein Kamelführer, spricht gut Englisch und ist nett. Ich erkundige mich, wo die anderen sind. Er sagt, dass wir sie bestimmt beim Übernachtungsort antreffen. Das ist die Sache in Indien: Man bemerkt die Lüge, hofft aber trotzdem, dass man sich täuscht. Wir reiten stundenlang durch die Wüste. Der Sonnenuntergang ist wunderschön. Als wir beim Übernachtungsort ankommen, sehe ich eine kleine Abstellhütte, etwas Geschirr und eine Feuerstelle – aber keine Menschenseele. Shankar fängt an Brot zu backen und für uns zu kochen. Unter anderen Umständen wäre das sehr romantisch. Mir ist leider etwas mulmig zumute. Mit meinen mobilen Daten sende ich zwei Freundinnen zu Hause meinen Standort. Dann lese ich die Bewertungen auf Trip Advisor durch.

Ein kleiner Junge taucht aus dem Nichts auf und hilft Shankar beim Brot backen. Nach dem Essen und ein paar guten Gesprächen holt Shankar zwei Strohliegen aus der Hütte. Er stellt sie nebeneinander. Als er mir gute Nacht wünscht und bald selig schnarcht, weiß ich, dass alles in Ordnung ist. Meine neue Sorge ist das Kamel, das immer näher rückt. Irgendwann findet es seinen Platz und ich genieße den Sternenhimmel.

Letztendlich glaube ich, dass ein bisschen Angst dazu gehört und sogar helfen kann, besser auf sich aufzupassen. Bei mir ist es jedenfalls so. Manches liegt natürlich nicht in unserer Macht, aber seien wir ehrlich: Auch in Deutschland kann uns jederzeit was passieren. Wichtig finde ich es, wachsam zu bleiben und manche Situation (als Frau) nicht herauszufordern. Männer wissen oft nicht viel über unsere Kultur in Europa und es hilft, ihnen mitzuteilen, was man möchte bzw. nicht möchte. In Indien verwende ich bei Anmachen oft den Satz: „Please leave me alone“. Das haben sie immer akzeptiert. Ansonsten sollte man sich natürlich nicht aufreizend anziehen oder falsche Signale senden.

Ich verlasse Indien mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die letzten sechs Wochen haben mir Spaß gemacht, mich aber auch enorm angestrengt. Von entspanntem Urlaub kann man nicht sprechen – aber das habe ich zum Glück auch nicht erwartet. Ich lerne viel über das Land, die Menschen und auch über mich. Ich finde das nötige Selbstvertrauen, wenn es drauf ankommt, und freue mich über meine wiedergefundene Neugierde.

Goodbye India – hello Nepal.

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