fühlen.

Workaway in Indien?

Ich möchte mich auf meiner Reise ehrenamtlich engagieren.

Wieso? Ich möchte etwas Gutes tun, soziale Kontakte knüpfen, kein Geld ausgeben und zwischendurch mal wieder einen geregelten Tagesablauf haben. Nach einer sehr ruhigen Phase in Süd-Goa, erscheint mir die Idee gut. Hast du ähnliche Gedanken, bist dir aber noch unsicher, ob du es machen sollst? Jeder macht natürlich seine eigene Erfahrung damit. Ich kann nur empfehlen, es mal auszuprobieren.

Bereits vor meiner Reise melde ich mich auf der Webseite „Workaway“ an. Ich bezahle eine einmalige Gebühr von 30 Euro. Dann kann ich einsehen, wer bei welcher Tätigkeit Unterstützung braucht. Die Auswahl ist riesig: Hostels, Kinderheime, Schulen, Tierheime, private Familien usw…Die Idee dahinter ist, dass ich aushelfe und im Gegenzug eine kostenlose Unterkunft, Verpflegung und oftmals eine kulturelle Erfahrung erhalte. Ich entscheide mich schnell für eine Haus- und Gartenhilfe bei der schwäbischen Auswanderin Ruth, die mit ihren vier Hunden in Goa lebt. Ganz genau weiß ich nicht, worauf ich mich einlasse, aber Ruth wirkt nett und zuverlässig. Sie freut sich, ihr Schwäbisch auffrischen zu können. Auf ein bisschen „Heimat“ freue ich mich auch.

Und so kommt es, dass ich nach meinem Aufenthalt in Süd-Goa nun in den Norden reise. In Mapusa (oft nur „Mapsa“ genannt) holt Ruth mich mit ihrem Auto ab. Bereits hier bin ich von den Socken, da sie die schrottigste Karre besitzt, die ich je gesehen habe. Nachdem sie mich herzlich mit einer Umarmung begrüßt, bemerkt sie ein lockeres Autoteil und befestigt es gekonnt mit einem Fußtritt. Ich habe mich mittlerweile an den Straßenverkehr in Indien gewöhnt, aber Ruths Fahrweise übertrifft alles: Das Auto springt alle paar Minuten einfach aus und sie lacht jedes Mal darüber. Dann zündet sie sich in aller Ruhe eine Beedi  – eine indische Tabakware – an und fährt wieder los. Das Hupkonzert hinter ihr scheint sie nicht zu stören. Auch sprachlich geht es chaotisch zu: Es entsteht ein Wirrwarr aus Schwäbisch, Hochdeutsch und Englisch.

Nach einer halben Stunde kommen wir an. Sie wohnt in einem kleinen idyllischen Dorf mit bunten Häusern, Reisfeldern und einer kleinen Kirche. Die meisten Bewohner hier sind Christen und tragen keine Saris, sondern Jeans und T-Shirts. Ich bin beruhigt, als ich das Haus sehe, denn nach dieser Autofahrt bin ich auf alles gefasst. Es ist nicht so groß, aber von einem riesigen Garten umgeben. Ich wohne in einer separaten Holzhütte mit schöner Veranda. Die vier Hunde sind zutraulich und freuen sich riesig, dass Ruth wieder da ist. Alles wirkt sehr gemütlich.

Mein Zimmer

Wir setzen uns erstmal zusammen, trinken einen Tee, rauchen eine Bidee zusammen und beschnuppern uns. Ich finde sie sympathisch, wenn auch ein bisschen verrückt. Sie ist knapp 70 Jahre alt, was ich mir bei ihrer Energie kaum vorstellen kann. Dann frage ich sie, wie ich ihr in der nächsten Woche behilflich sein kann. Eine klare Antwort darauf bekomme ich nicht. Sie sagt, ich solle flexibel sein. So locker ich meine eigene Reise bisher gestaltet habe, in der Angelegenheit fällt es mir schwer, keine Ahnung zu haben.

Am nächsten Morgen geht es um 06:30 Uhr durch die Reisfelder. Ich habe zwei motivierte Hunde an der Leine, während ich noch völlig emotionslos mit meinen Flipflops im Matsch hin und her rutsche. Als mir das Wasser schließlich bis zum Knöchel reicht, fange ich an, mir auszumalen, wie viele Schlangen hier wohl logieren. Am schlimmsten finde ich aber die vielen Mücken, die mich im Sekundentakt stechen.

Im Reisfeld

Nach einiger Zeit laufen wir zurück. Ruth holt frisches Brot. Allmählich wird meine Laune besser. Das Frühstück wird schnell zu meiner Lieblingszeit, weil wir interessante Gespräche führen und das Brot fantastisch schmeckt. Nach dem Abwasch, den ich mir von Anfang an auferlege, besprechen wir, was ansteht. Sie gibt anfangs wenig konkrete Anweisungen und nimmt meine Vorschläge gerne an.

Frühstück

Ich mähe also Ruths gesamtes Grundstück. Für mich ist das ein kleines Erfolgserlebnis, denn ich habe noch nie Rasen gemäht und bin von meinem Ergebnis begeistert. Wie schön es doch manchmal ist, ein direktes Ergebnis seiner Arbeit zu sehen! Leider verausgabe ich mich total – ich will ja mein Bestes geben – ­und bemerke erst im Nachhinein, wie sich das körperlich ausschlägt: Muskelkater vom feinsten, Kopfschmerzen und Blasen an den Händen. Obwohl Ruth etwas Mütterliches an sich hat, ist sie so gar nicht wie meine Mutter. Diese hätte mir jede halbe Stunde Wasser gebracht und mich nach zwei Stunden abgelöst. Bei diesem Gedanken vermisse ich meine Mama.

Ruths Grundstück

Aber irgendwie ist es für mich eine eigenartige Situation: ich arbeite, bekomme kein Geld dafür, kann aber umsonst übernachten und essen. Wie viel Arbeit ist also angebracht? Ich habe keine Ahnung. Nachdem ich noch koche und abwasche falle ich ins Bett. Der zweite Tag verläuft ähnlich, jedoch schaffe ich es mich weniger zu verausgaben. Abends gehen Ruth und ich auf ein Fest, das im Dorf stattfindet. Hier sollen heute ein paar Männer in einen Brunnen springen. Da uns jeder eine andere Uhrzeit nennt, laufen wir mehrere Male ins Dorf. Die Einheimischen integrieren mich voll und ganz, ich darf sogar bei einem Wettbewerb mitmachen. Am Ende trage ich eine Blumenkrone auf dem Kopf.

Mir fällt in der Woche immer wieder auf, wie ungenau Inder in ihren Aussagen sind. Fehler können sie nicht zugeben und ein Nein gibt es nicht. Lieber sagen sie dann gar nichts mehr oder erzählen eine erfundene Geschichte. Mir fällt ebenfalls auf, wie hartnäckig Ruth im Gespräch mit ihnen bleibt, bis sie die „Wahrheit“ erfährt. Das bewundere ich, denn mir wäre das auf Dauer zu anstrengend. Über 20 Jahre ist sie schon in Indien.

Interessant finde ich an Ruth auch, dass sie in vielen Bereichen ein sehr lockerer Mensch zu sein scheint. Wenn es aber um die Arbeit geht, kommen ihre schwäbischen Wurzeln nach den ersten Tagen klar zum Vorschein. Ich finde sie bei immer mehr Tätigkeiten penibel genau. Sie zeigt auf noch minimal unsaubere Stellen an Töpfen und weist mich auf noch sichtbaren Staub hin, den ich beim Fegen vergessen habe. Eine Weile geht es gut – ich will die Kritik ja annehmen. Irgendwann fängt es aber an zu nerven.

Am vierten Tag kommt es zum Eclat. Sie bittet mich, einen Regenschutz für ihre Terrasse zu bauen und anzubringen. Ich merke an, dass mir so etwas nicht liegt, ich es aber mal versuche. Es klappt nicht. Ihre Genauigkeit reibt sich mit meiner Unfähigkeit und Unlust. Nach zwei Bemerkungen, wie handwerklich unbegabt ich bin, platze ich schließlich. Zuerst schreien wir uns an, dann folgt ewige Stille. Und dann passiert etwas: Ruth fragt mich, was hinter meiner Wut steckt. Ich bin perplex, denke aber tatsächlich darüber nach, woher die eigentliche Wut rührt. Ich realisiere nach ein paar Minuten, dass es wenig mit ihr als Mensch zu tun hat. Ich frage sie das Gleiche zurück. Und so kommt es, dass wir eine Stunde über unsere Reaktionen nachgrübeln, sie gemeinsam erörtern und uns damit mehr Klarheit verschaffen, was gerade passiert ist. Ich fühle mich nach einem Streit normalerweise schlecht und brauche eine gewisse Zeit, um die Situation zu vergessen. Nach diesem Gespräch fühle ich mich verstanden und gut.

Tyson, Po und Longtail

Auf meiner Reise habe ich mich auf interessante Bekanntschaften gefreut – Ruth zähle ich definitiv dazu. Ich glaube, dass es etwas sehr Wertvolles ist, wenn zwei nahezu fremde Menschen eine solch ehrliche Verbindung zueinander finden. Ich stelle mir vor, dass dies nur passiert, wenn beide offen dafür sind – und es zulassen. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte ich ihre Frage vielleicht als penetrant empfunden. So aber ist daraus etwas entstanden, wovon ich noch lange zehren kann. In den folgenden Tagen teilen wir unsere Lebensgeschichten miteinander und reden darüber, wie wir aufeinander wirken. Trotz des Altersunterschieds von knapp 40 Jahren sind wir auf einer Wellenlänge. Sie erzählt mir von ihrer früheren Hippiezeit und ihren Erlebnissen seit ihrer Auswanderung. Sie betont, dass sie nichts in ihrem Leben bereut, sie jedoch mit bestimmten Konsequenzen, wie die Distanz zu ihren Söhnen, leben muss. Einmal mehr wird mir klar, wie unterschiedlich Lebenswege doch aussehen können.

An den restlichen Tagen rutscht die Arbeit immer weiter in den Hintergrund. Ruth zeigt mir viele schöne Orte in der Umgebung. Wir besuchen die Tropical Spice Plantation, die Kirchen in Alt-Goa, die umliegenden Strände und eine sehr coole Bar am Anjuna Beach: Curlies Beach Shack. Diese Bar erfüllt schließlich mein Goa-Klischee: Trance, Neon-Lichter, Drogendealer und gute Cocktails. Ähnlich wie in Süd-Goa ist aber auch hier während der Regenzeit nicht viel los.

Am Ende der Woche bin ich völlig erschöpft. Ich hätte nicht länger bleiben wollen, denn alleine das frühe Aufstehen ist für mich eine Qual. Ich hätte aber die Erfahrung um nichts in der Welt missen wollen. Ich durfte in eine Welt eintauchen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Was wie ein großes Chaos begann, endete in einer wertvollen Erfahrung für mich. Und was ich definitiv nicht vergessen werde: die Autofahrten.

Tropical Spice Plantation


Meine Empfehlungen an dich, wenn du dir unsicher bist, ob du dich auf deiner Reise ehrenamtlich engagieren möchtest:

  • Sei dir im Klaren darüber, dass es anstrengend wird
  • Erkundige dich im Voraus nach den Erwartungen
  • Es gibt viele Anbieter, die angeben, wie lange du am Tag arbeiten sollst. Bei meiner nächsten Erfahrung würde ich das auf jeden Fall beachten
  • Probiere es aus! Du hast nichts zu verlieren. Wenn es unerträglich wird, streite eine Runde, oder gehe notfalls wieder. Du hast ja keinen Vertrag unterschrieben
  • Es kann eine sehr wertvolle Erfahrung für dich werden. Du hast die Chance, die Kultur nochmal anders zu erleben
  • Es fühlt sich gut an, zu helfen
  • Es ist eine Abwechslung zum klassischen Backpacking
Mumbai
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