geniessen.

Die Monsunzeit in Goa

Hippies, schöne Strände, Party, Drogen, Trance – das fällt wohl jedem spontan zu Goa ein.

Vor allem in den späten 60er- und 70er-Jahren pilgerten viele Aussteiger in die ehemalige portugiesische Kolonie, um Erleuchtung, freie Liebe oder eine Bewusstseinserweiterung mittels Rauschmittel zu erfahren. Um die Region ist es etwas ruhiger geworden, aber es kommen noch immer jährlich 2,4 Millionen Urlauber nach Goa. Hauptsaison geht von November bis März.

Da ich meine Reise nicht auf Jahreszeiten abgestimmt habe, stehe ich vor der Frage, ob sich ein Aufenthalt auch in der Regenzeit lohnt. Diese beginnt in Goa im Mai und endet üblicherweise im September. Da ich Regen und Gewitter über alles liebe, freue ich mich sogar auf das Wetter. Nur bin ich mir unsicher, ob dort auch was los sein wird.

Ich will es herausfinden und fahre Mitte Juni nach Palolem Beach in Süd-Goa. Die Gegend wird als beliebteste Touristengegend in Süd-Goa bezeichnet. Wenn also irgendwo was los ist, dann ja wohl hier. Ich täusche mich gewaltig: Es gibt weit und breit keine Hippies, keine Sonne und auch keine Party.

Mein Start in Goa ist etwas holprig. Nach meinem Flug und zweistündiger Taxifahrt komme ich gegen 23 Uhr in Palolem an. Alles dunkel. Der Fahrer findet meine vorgebuchte Unterkunft nicht, wird ungeduldig und bittet mich schließlich auszusteigen. Ich protestiere und bleibe sitzen, bis er das Endziel zehn Minuten später erreicht. Draußen regnet es in Strömen. Ich habe mir ein kleines Apartment gebucht, das – so dachte ich – zentral liegt. Die Rezeption soll eigentlich bis 24 Uhr geöffnet haben. Aber wo ist denn hier bitte eine Rezeption?

Eine Kuh vor dem Apartment

Nichts. Nur ein paar Kühe stehen vor dem Gebäude herum. Da mein Akku leer ist, bitte ich den Fahrer an der Rezeption anzurufen und mit mir zu warten. Da sich keiner meldet, verabschiedet er sich und will von unterwegs nochmal anrufen. Sehr nett…da stehe ich also im Regen. Vielleicht ist das ja die absolute Freiheit, die ich so sehr suche? Ich setze mich erstmal auf meinen Rucksack und teile meine Kekse mit den Kühen. Ich sehe eine gewisse Ironie in der Situation und grinse kurz vor mich hin, erkenne dann aber doch schnell den Ernst der Lage und fange an mich aufzuregen. Wird das meine erste obdachlose Nacht? Das wäre naheliegender, als planlos mit Gepäck in der Dunkelheit herumzulaufen.

Ich habe Glück: Nach knapp 20 Minuten höre ich einen Roller. Der Mann hält an, versteht kein Wort Englisch, hat aber einen Schlüssel und lässt mich in die Wohnung. Das kann nicht richtig sein, denke ich. Die Wohnung ist riesig! Ich bin beunruhigt, da ich keine Lust habe, ein halbes Vermögen zu bezahlen. Der Mann versteht mich nicht und lässt mich schließlich mit den Worten „I come back, Miss“ alleine. Da es kurz vor Mitternacht ist, glaube ich irgendwie nicht daran. Tut er auch nicht. Ich rege mich wieder auf.

Crystal Goa Residence Apartment

Crystal Goa Residence Apartment

Am nächsten Morgen will ich die Rezeption suchen. Bereits im Hausgang begegne ich einer Dame, die mir weiterhilft. Sie entschuldigt sich und erklärt mir, dass während der Monsunzeit hier nichts los sei und deshalb gestern die Rezeption schon dicht war. Es handele sich jedoch um die richtige Wohnung. Ich kann es kaum fassen, denn die Bude ist riesig und voll ausgestattet mit Klimaanlage, Fernseher, Wifi und Küchenutensilien – ich bezahle 9 Euro pro Nacht. Ein klarer Vorteil der Nebensaison!

Nun gefällt mir das Ganze schon besser. Ich freunde mich schnell mit dem Gedanken an, meine eigene Wohnung zu haben. Zum ersten Mal fällt mir dabei auf, wie sehr ich meine alte Wohnung vermisse. Morgens einen eigenen Kaffee machen zu können – Luxus! Ich schaue mir den beliebten Urlaubsort Palolem Beach an. Von der Wohnung bis zur Ortschaft brauche ich keine 10 Minuten. Mir kommt auch hier kein Mensch entgegen. Die meisten Läden und Restaurants sind geschlossen. Obgleich Goa dafür bekannt ist, über die tollsten Strände Indiens zu verfügen, fehlt zur Monsunzeit wohl ein bisschen der Charme. Die hohen Wellen wirken auf mich unberechenbar. Aufgrund starker Strömungen darf man auch nicht schwimmen.

Strand Palolem Beach während der Monsunzeit

Strand Palolem Beach während der Monsunzeit

Wo sind denn bloß die ganzen Strandhütten, die ich auf so vielen Bildern gesehen habe? Wie ich später erfahre, werden diese nach Saisonende abgebaut. Die Strandbars sind mit Plastikplanen abgedeckt. um sie vor dem Regen zu schützen. Ich kann mir nur vage vorstellen, wie es hier zur Hauptsaison zugehen mag. An diesem Abend gönne ich mir ein paar Cocktails zur Happy Hour. Der Alkohol wirkt; nur leider sitze nur ich in der Bar und unterhalte mich irgendwann angeheitert mit dem Barkeeper. Er erzählt mir von den vielen bunten Strandhütten, unzähligen Hippie-Touristen, Live-Musik, Badespaß und abendlichen Lagerfeuer-Aktionen während der Saison.

Abgebaute Strandhütten in Palolem Beach

Abgebaute Strandhütten in Palolem Beach

Etwas enttäuscht bin ich, denn gefeiert habe ich auf meiner Reise bisher noch gar nicht. Mein Alkohol- und Zigarettenkonsum hält sich sehr in Grenzen – alleine ist es eben nur halb so lustig. Trotz anfänglicher Missstimmung erfreue ich mich aber schnell an der Wohnung und finde immer mehr Gefallen daran, täglich am Strand zu spazieren, Yoga zu machen und viel zu lesen (ich schleppe 5 Bücher mit mir herum, weil ich mich einfach nicht davon trennen kann). Sogar Netflix geht! Meine tägliche Aufgabe besteht außerdem darin, mir etwas zu essen zu suchen. Das klingt einfacher, als es ist. Der einzige Obst- und Gemüseladen ist knapp 15 Minuten entfernt – die Öffnungszeiten scheinen sich nach Lust und Laune zu ändern. An manchen Tagen laufe ich insgesamt zwei- bis dreimal hin und her, bis ich Erfolg habe.

Palolem in der Monsunzeit

Palolem in der Monsunzeit

Interessant gestaltet sich auch die Suche nach Fleisch: Der nächste Hühnchenladen befindet sich eine Stunde (Fußweg) entfernt. Ohne mich im Laden umzuschauen, bestelle ich Hühnerbrust. Der Mann nickt, verschwindet und kommt ein paar Sekunden später mit einem lebenden Huhn und einem Messer zurück. Ich lasse einen Schrei los, denn damit habe ich irgendwie nicht gerechnet. Mir ist klar, dass auch ein totes Hühnchen mal sterben musste. Trotzdem, so sehr ich Lust auf Fleisch habe, bringe ich es nicht übers Herz, das Tier extra schlachten zu lassen. Ich trete den Rückweg mit leeren Händen an.

In Palolem essen zu gehen ist auch nicht so einfach. Nur ein paar Restaurants haben geöffnet und die meisten Gerichte gibt es während der Monsunzeit nicht. Ein gemütliches Café kann ich euch jedoch empfehlen: das Café Inn.


Auch wenn es nicht gerade der typische Goa-Urlaub ist, bereue ich es nicht, hergekommen zu sein. Die Landschaft ist wunderbar grün, es ist ruhig und ich genieße die stressfreie Zeit. Mir hilft sie, nochmal Revue passieren zu lassen, was ich in den letzten Wochen alles erlebt habe. Sie bewirkt auch, dass ich als nächstes etwas „soziales“ plane, nämlich einen „Volunteering-Aufenthalt“ bei einer schwäbischen Auswanderin in Nord-Goa (dazu mehr im nächsten Artikel). Irgendwie ist also alles für etwas gut. Voraussetzung für den Genuss ist es aber, viel Regen zu mögen!

Dieser Artikel beschränkt sich auf Palolem Beach. Ich habe gehört, dass die naheliegenden Strandorte in Süd-Goa komplett dicht machen. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber ich kann es mir gut vorstellen. In Nord-Goa treffe ich tatsächlich ein paar Touristen. Es ist also etwas mehr los, aber auch nicht wirklich viel.

Also nochmal zusammengefasst: Solltest du während der Monsunzeit nach Süd-Goa reisen?

Vorteile

  • Es gibt tolle Preisnachlässe. Meine Wohnung hätte in der Hauptsaison das 7-fache gekostet und wär für mich somit aus dem Rennen gewesen
  • Alles blüht und die Landschaft ist wunderschön
  • Viel Regen, Gewitter und Gemütlichkeit. Ruhe ohne Ende (kann natürlich auch zum Nachteil werden)

Nachteile

  • Fast alles hat zu. Es ist schwierig einzukaufen oder gar zu shoppen. Nightlife ist fast unmöglich.
  • Das ursprüngliche Party-Goa bekommst du nicht zu Gesicht
  • Viele Straßen sind überflutet
  • Es ist schwierig (und nass), etwas zu unternehmen
  • Du darfst wahrscheinlich nicht schwimmen