fühlen.

Mumbai

Ich sitze gerade im Leopold’s Café in Mumbai, trinke Kaffee und esse ein gutes Sandwich.

Ich bin kein Mensch, der ständig über alle Vorfälle in der Welt Bescheid weiß. Ich bemühe mich, wichtige Nachrichten mitzubekommen, halte mich aber nicht ununterbrochen auf dem Laufenden. Manchmal wünschte ich, mein Interesse hierfür wäre etwas größer. Wenn ich dann aber an einem Ort bin, faszinieren mich oft Ereignisse geschichtlicher oder kultureller Art. Das genieße ich dann, weil es mich richtig interessiert.

So ist es auch hier: Bei den Anschlägen in Mumbai 2008 kam es am 26. November an zehn unterschiedlichen Orten innerhalb kurzer Zeit zu 17 Explosionen, Angriffen mit Schnellfeuerwaffen und Geiselnahmen. Die Zahl der Toten wurde auf 172, die Zahl der Verletzten auf 274 geschätzt. Über die Anschläge habe ich damals in den Nachrichten gelesen, sie dann aber nicht weiterverfolgt, und – wie so oft – auch schnell wieder vergessen. Wenn ich keinen näheren Bezug zu etwas habe, fällt es mir schwer, mich emotional darauf einzulassen.

Die südlichen Viertel Mumbais, Colaba und Fort District, sind für Touristen attraktive Orte. Die bekannteste Sehenswürdigkeit, das Gateway of India, ist ein 26 Meter hoher Triumphbogen aus Basalt, der zur Erinnerung an den ersten Mumbai-Besuch von König Georg V. erbaut wurde. Er gilt als Wahrzeichen der Stadt. Ein Nachbar des Bogens ist das weltbekannte Taj Mahal Palace Hotel, in dem schon so einige Berühmtheiten logierten. Leider entspricht es nicht ganz meiner Preisklasse – ich schaffe es jedoch, mir eine Unterkunft in der gegenüberliegenden Straße zu sichern. Und, naja, es kann ja fast mithalten, oder?

Trotzdem gönne ich mir einen Blick in die Lobby des Hotels zu werfen. Das Hotel fasziniert mich! Als „weiße Person“ fühle ich mich in Indien oft privilegiert, überall hineinschnuppern zu können. Es scheint, als sei ich überall ein gern gesehener Gast. Im Mc Donalds werde ich beim Kauf eines Getränks sogar dazu eingeladen, es mir selbst zu mischen. Natürlich gegen ein Foto, das dann auf die Website kommen soll.

Die Sicherheitsmaßnahmen vor dem Hotel sind sehr streng. Klar, vor zehn Jahren wurde in dieser Empfangshalle wahllos auf Gäste und Personal geschossen. Nach einer Detonation brannte es im Hauptgebäude und es wurden mehrere Dutzend Geisel im Hotel festgehalten. Die Belagerung des Hotels hatte sich drei Tage lang hingezogen.

Mir gefällt das Stadtviertel Colaba sehr gut. Ich mag die vielen Kolonialbauten, die kleinen Cafés und genieße die Freiheit, mich selbst fortbewegen zu können. Ich kann mein Glück kaum fassen, als ich Starbucks und ein Kino sehe. Manchmal ist Konsum eben doch die beste Erholung, besonders nach ein paar Wochen Indien. Natürlich ist es auch in Mumbai anstrengend, mir im Minutentakt Tuk-Tuk Fahrer, Reiseführer und „Selfie-Anfragen“ vom Hals zu halten. Ich habe mal ein paar Inder gefragt, wieso sie ein Foto mit mir haben möchten. Sie antworteten: „Facebook profile, Miss“. Ansonsten gewöhne ich mich langsam an das ewige Hup-Konzert, den Urin-Gestank, den Dreck und die leidenden Straßenhunde.

Mumbai ist die sechstgrößte Metropolregion der Welt. Die Megacity, weltbekannt durch die Bollywood-Filmindustrie, soll die vielfältigste, reichste und wohl auch extremste Stadt Indiens sein. In der dicht besiedelten Stadt treffen Arm und Reich jeden Tag aufeinander. Es wird geschätzt, dass knapp 40% der Bevölkerung in Slums lebt. Es ist mir bewusst, dass meine Sightseeing-Tour im Stadtteil Colaba also nur bedingt was mit der Realität in Mumbai zu tun hat.

Nun sitze ich also im Leopold’s Café und reflektiere über diese ganzen Eindrücke. Hier gibt es richtig guten Kaffee (was in Indien leider eine Seltenheit ist), Kuchen und super Sandwiches. Auch hier sehe ich Sicherheitspersonal. Acht Menschen sind damals hier gestorben. Hätte ich damals dort gesessen, wo ich jetzt sitze, hätte es mich wahrscheinlich auch getroffen. Vor mir sind die Spuren der Schüsse im Fensterglas zu sehen. Man sagt ja, dass manche Menschen, die „Empfindsamen“ eine gute Vorstellungskraft entwickeln können. Ich zähle mich dazu. Gerade in diesem Moment kann ich es irgendwie kaum fassen.

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